Bestuerzend und einleuchtend …

 

 

… mit den Aussagen „esse est percipi“ bzw. „esse est percipere“ formulierte Berkeley die beiden Aspekte seines zentralen philosophischen Axioms. Das robuste Vorurteil, dies sei leicht zu kapieren, was vermutlich durch historisch bedingte Selbstverstaendlichkeiten ausgeloest wird, veranlasste mich, dieses Axiom auf eine etwas ungewoehnliche Art und Weist zu erlaeutern. Ich schlage für dieses Axiom in den folgenden Blogartikeln eine Transposition (statt Uebersetzung) vor, die moeglicherweise verdeutlichen kann, was Berkeley damit thematisiert haben koennte.

Dies geschieht um des Philosophierens willen, das vor allem bedeutet zu denken, als etwas zu haben. Philosophische Bildung ist für mich nur in Verbindung mit reflektiertem Handeln eine Bildung, die uns nützt.  

Doch im Vorwege einige Bemerkungen dazu. Ich gehe davon aus, dass dieses Axiom den ausgepraegt individuellen Charakter von Berkeley’s Philosophieren widerspiegelt. Philosophiehistoriker stimmen zumindest darin ueberein, dass dieses Prinzip etwas Einmaliges in der Philosophiegeschichte darstellt. Es bringe, so äußert sich Berkeley selber, sowohl einen „bestuerzenden“ als auch einen„einleuchtenden“ Sachverhalt zum Ausdruck: Fuehlen und Sehen, so Berkeley, sind der Maßstab seines Philosophierens.  Er muesse wohl sehr unachtsam gewesen sein, dieses Prinzip nicht schon frueher entdeckt zu haben, schrieb er vor ca. 300 Jahren in sein Tagebuch. Es sei jedoch philosophisch unverzichtbar, weil sich nur so widerspruechliche und absurde Aussagen vermeiden ließen. (Vgl. Philosophisches Tagebuch, PTB 279 u.394)

Zutreffend ist aber auch: Die Ergebnisse von Fuehlen und Sehen sind immer individuelle Ergebnisse. Was andere fuehlen und sehen, fuehle und sehe ich nicht. (PTB 24 u. 47) So gilt für Berkeley:   „Alles, was ich schreibe oder denke, handelt nur von Dingen, wie sie mir erscheinen.“ (PTB §543) Der Anklang an den Homo-Mensura-Satz des Protagoras (Fr. 1, Diels-Kranz), ist offensichtlich. 

So genau wie moeglich hinsehen auf die Sache, um die es gerade geht, daraus durch Nachdenken eigene Schlussfolgerungen ziehen, das ist die Berkeley’sche Methode des Philosophierens. Sie macht seine verschiedenen Darstellungen interpretatorisch nachvollziehbar. In seiner Schrift „Siris“ laesst sich facettenreich nachlesen, dass dazu auch in der Sache Relevantes anderer Philosophen reflektierend miteinbezogen wird. Der deutschsprachigen Sekundaerliteratur – z. B. Arend Kuhlenkampff und Ernst von Cassirer – ist dieser philosophische Schatz verborgen geblieben. (Vgl. Arend Kuhlenkampff: George Berkeley. Muenchen 1987, S. 42 – 44.)      

Ergaenzend zu seiner Feststellung ein durch und durch eigenstaendig denkender Philosoph zu sein, fuegt Berkeley hinzu, dass ihm jede Art von Autoritaetsglaeubigkeit fremd sei. Er ‚laufe nicht glaeubig hinter einem Großen her’ und teile auch keine Auffassungen, bloß weil sie „eine lange Tradition haben“ oder ‚modern sind’. Im Gegenteil, er verwerfe selber aus gegebenem Anlass eigene Auffassungen, auch wenn er darauf viel Zeit und Muehe verwendet habe. (PTB §465)

Ich schließe daraus, dass jede Objektivierung oder Verabsolutierung seiner Aussagen fragwuerdig ist, was Argumentationsstrukturen in Interpretationen von Berkeley-Texten als unsachgemaeß erscheinen laesst. Wenn man seine Texte nachvollziehen moechte, muessen sie im  Zusammenhang mit seinen Darstellungen und denen anderer, bzw. anderer Zeiten reflektiert werden. Wenn dies ignoriert wird, sind irrtuemliche Interpretationen zu erwarten.  

Selbstverstaendlich lassen sich Verbindungen zu anderen Philosophien ziehen,  wie auch immer diese geartet sein moegen.  Seine Darstellungen lassen sich im Hinblick auf andere klassifizieren und Stroemungen zuordnen. Diese standardmaeßigen Annaeherungen an Berkeley haben den Nachteil, dass Interpretatoren auf Probleme stoßen, die als Widersprueche Berkeleys, Aenderungen bzw. Wendepunkte seiner Sichtweise benannt werden. Ich halte Widerspruechliches und Veraenderungen – wie bei jedem Philosophen – fuer vorstellbar, aber derartige Behauptungen koennen auch ein deutlicher Hinweis auf fehlende Kenntnisse sein. Interpretationsprobleme – so wird in neuester Zeit in der Berkeley-Forschung behauptet – seien Folgen von Unkenntnis der Berkeley-Texte und deren Kontexte in Berkeley’s Gegenwart und Geschichte. (Silvia Parigi (Università di Cassino Ed.): George Berkeley: Religion and Science in the Age of Enlightenment. Heidelberg/London/New York 2010, p. XIV. Die  veroeffentlichten Aufsaetze verbindet Nachdenkliches und neue Forschungsansaetze, die sich aus dem Ungenuegen der „standardmaeßigen Annaeherungen“ ergeben.)

Ich moechte die Darstellungen Berkeley’s  vielseitig betrachten und mich so einem umfassenden Bild seiner Philosophie nähern.

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