Warnehmen ist das Vorhandene

Was ich sehe, ist nur eine Menge von Farben und Licht. Was ich taste ist hart oder weich, warm und kalt, rauh oder glatt usw. Worin besteht die Ähnlichkeit zwischen diesen und meinen Gedanken?“ (PTB § 227)

In Berkeleys Welt erhält man die Antwort durch warnehmen, indem wir die Fragen auf uns wirken lassen, ergeben sich Vorstellungen und Gedanken, aus denen wir Schlussfolgerungen ziehen.

Ein Dichotomist muss die Frage theoriekonform lösen. D. h. der muss die von ihm postulierte Körper-Geist-Teilung überwinden. Dies ist unmöglich.

Berkeleys Antwort liegt außerhalb dieses Systems und sperrt sich gegen eine dichotomische Lösung. Man kam auf die Antwort „Solipsismus“.

Die Behauptung „Berkeley ist ein Solipsist.“ Ist weder in der Sache, noch menschlich zutreffend. Sie macht einen absurden Sinn – darin dürfte die Rolle dieses Urteils liegen -, wenn man dichotomisch denkt (denken muss). Niemand kann  ein Solipsist sein, Menschen leben und handeln miteinander und orientieren sich gemeinsam, sie sind aufeinander angewiesen.

In seiner Tätigkeit als Leiter einer Gemeinde, hat Berkeley es stets für seine Aufgabe angesehen, für sie da zu sein. Z. B. hat er in Zeiten der irischen Hungersnöte für medizinische Versorgung gesorgt, eine lokale Speisung eingerichtet und regelmäßig private Geldmittel zur Verfügung gestellt. [In Irland gab es 1708-10, 1718-21, 1728-30 Typhus- und Hungerepidemien. (Charles Creighton: A History of Epidemics in Britain, Band 2. Cambridge (University Press) 1894, S. 236.)]

Sinn macht, dass die Menschen die Welt existierend erleben, indem sie denken, sehen, fühlen, warnehmen, vorstellen, erinnern …

„Die Existenz unserer Vorstellungen besteht im Wahrgenommen-, Vorgestellt-, Gedacht-werden. Jedesmal, wenn sie vorgestellt werden, oder wenn man sie denkt, existieren sie. Jedesmal, wenn man sie nennt oder sich über sie unterhält, werden sie vorgestellt oder gedacht.“ (PTB § 457)

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Warnehmen ist Wirklichkeit

Esse est percipere …  jeder lebt in seiner Wirklichkeit, weil jeder sein WARNEHMEN betreibt. Darüber hinausgehen zu wollen, macht keinen Sinn. Es gibt nichts warzunehmen, was darüber hinaus geht.  

„Nichts außer Vorstellungen ist warnehmbar.“ (Berkeley, PTB §50) Sind wir eingesperrt? In gewisser Weise ja, wäre da nicht das Leben, die Natur, die uns mit mehr versorgt als nur mit Denken. Lebend denken wir und denkend leben wir. Solipsismus ist ein Irrtum … 

‚Alle von uns erfassbaren Dinge sind:

  1. Vorstellungen
  2. Von uns empfangene Vorstellungen,
  3. Von uns hervorgerufene Vorstellungen. (Berkeley PTB §229)

Statt Vorstellungen ist auch der Terminus „Gedanken“ möglich. Da merken wir keine Unterschiede, scheint Berkeley zu meinen. 

Keines von den so Bezeichneten kann in einem trägen, empfindungslosen Ding existieren.‘ (ebd.)

 

Es gibt etwas, das wahrnimmt.

Seit Jahrhunderten sind Philosophen mit immer neuen Bezeichnungen wie Geist, Seele, Ich, Verstand, Vernunft, Intellekt, Gemuet, Wille … dabei dem Geheimnis des Unkoerperlichen auf die Spur zu kommen. Schon fuer Augustin Thagaste war im 4. Jahrhundert ‚Seele‘ bzw. ‚Geist‘ ein groszes Raetsel (vgl. seine Schrift ‚Ueber das Glueck‘) Richard Rorty vermutete, dass die antiken Griechen mit ihrem Hang zur Substantivierung von Verben das Raetsel ‚Geist‘ in die Welt gesetzt haetten. Das kontinuierliche Thematisieren dieses Geheimnisses scheint dazu gefuehrt zu haben, dass in unserer Kultur davon ausgegangen wird, dass es so etwas wie Geist, Seele, … gibt – mich selber einst eingeschlossen. Wir gehen mit Verstand, Vernunft, Wille so um, als wuessten wir ganz genau, wovon wir sprechen. Ein Blick in die Woerterbuecher  stimmt nachdenklich. Nehmen wir z. B. ‚Vernunft‘. Schon im Althochdeutschen wird die Bedeutung mit ‚verstaendnis, richtige einsicht, tiefere auffassung‘ (vgl. Woerterbuch der Brueder Grimm) erklaert: Heiszt, ein ungeklaertes Wort wird mit anderen ungeklaerten Worten erklaert. Die Verwirrung nimmt noch zu, wenn man Eislers ‚Woerterbuch der philosophischen Begriffe‘ (beide Lexika sind im Netz zugaenglich) zu Rate zieht: „Vernunft (nous, logos, dianoia, intellectus, ratio, raison, reason) ist im allgemeinsten Sinne des Wortes so viel wie Geist …, Intelligenz …, Denkprinzip gegenueber der Sinnlichkeit … Sie ist die Quelle theoretischer (metaphysischer, religioeser) und praktischer (ethischer, juridischer) Ideen.“ Inzwischen haben die psychologischen Wissenschaften den Kanon der Bezeichnungen u. a. mit Selbst, Libido, Trieben, Komplexen, … erweitert.

Zu Zeiten Berkeleys war die Verwirrung bereits genauso grosz. Sein eigenes Wahrnehmen duerfte ihn veranlasst haben zu schreiben: „Es kann keine Vorstellung von ‚Geist‘, ‚Wille‘, ‚Verstand‘, ‚Gemuet‘ oder von ‚mir selber‘ gebildet werden. …Sie bezeichnen auch keine Teile [Instanzen] des Wahrnehmenden … damit werden  lediglich unterschiedliche Wirkungen bezeichnet, die er hervorbringt. … Freilich muss eingeraeumt werden, dass der Wahrnehmende mit ‚Geist‘, ‚Wille‘, ‚Verstand‘, ‚Gemuet‘ oder ’sich selber‘ vage Ideen oder Empfindungen verbinden duerfte, um diesen Woertern eine Bedeutung unterlegen zu koennen.“ (Principles of Human Knowledge, 27) Allgemein kann gleichfalls nur Vages gesagt werden: Es handelt sich um ‚an incorporeal active substance‘ . (vgl. Principles of Human Knowledge, 26) Wobei im Hinblick auf Konkretes ‚unkoerperlich‘ aehnlich wenig aussagekraeftig ist wie ‚koerperlich‘. Diese Unzulaenglichkeit reicht keineswegs aus, um mit dem Gebrauch des Wortes ‚Immaterialistaetsprinzip‘ das Denken Berkeleys als ‚monistisches‘ bzw. ’solipsitisches‘ zu charakterisieren. Hier handelt es sich um Interpretationen, die mit den ‚Anfangsgruenden‘ (‚principles) Berkeleys wenig anzufangen wissen. „Ich denke, Menschen brauchen … unzulaengliche  Vorstellungen, weil sie sich als unzulaenglich erleben. Sie produzieren – dem Impuls der Unzulaenglichkeit folgend –  … alle ihnen moeglichen und gaengigen Ideen, um mit anderen einvernehmlich kommunizieren zu koennen und um so ihre Kenntnisse zu vergroeszern. Beides entspricht in hohem Masze menschlichen Beduerfnissen.“ (Principles of Human Knowledge, Intro XIII)

Berkeley scheint menschliche Beduerfnissen mit seinem Philosophieren befriedigen zu wollen und so jeden zu seinem eigenen Philosophieren auf seine eigene unzulaengliche Weise zu ermuntern. Er ueberliesz es seinen Lesern und Zuhoerern sich selber ein Bild von ihrem eigenen Wahrnehmen, ihren Vorstellungen und sich selber zu machen. „Wer deshalb vorhat, die folgenden Seiten (meines Buches) zu lesen, dem rate ich, meine Woerter zum Anlass fuer eigenes Nachdenken zu nehmen und sich beim Lesen zu bemuehen, dem gleichen Gedankengang zu folgen, den ich auf diesen Seiten geschrieben habe. So wird es ihm leicht gelingen Zutreffendes bzw. Irrtuemliches in dem, was ich sage, zu entdecken.“ (Principles of Human Knowledge, Intro, XXV)

Es gibt etwas, das wahrgenommen wird.

Anstatt „esse est percipio“ mit „Sein ist das, was wahrgenommen wird“ wieder zu geben, habe ich mich fuer die in der Ueberschrift stehende Formulierung entschieden. Ich folge damit sowohl meinem Beduerfnis als auch der Anregung Berkeleys, Woerter und Sprechweisen zu aktualisieren, d. h. sie jeweils so zu waehlen, dass sie meinen Vorstellungen entsprechen. Berkeley hielt es fuer noetig, seinen Sprachgebrauch zu reflektieren. „Da man dem Einfluss von Woertern auf eigene Sichten staendig ausgesetzt ist, egal um welche Vorstellungen es sich dabei handelt, bemuehe ich mich, meine Vorstellungen nackt und blosz zu betrachten, und jene Namen aus meinem Denken zu verbannen, die durch langen und konstanten Gebrauch fest mit bestimmten Vorstellungen verbunden sind.“ (Principles of Human Knowledge, Introduction XXI.) Diese Zurueckhaltung koennte Berkeley fuer „esse est percipio“ auch im Blick gehabt haben. „esse“ ist philosophisch mit Vorstellungen verbunden, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden die Sicht auf moegliche andere Vorstellungen verstellten. Es gibt eine Grundbedeutung von „esse“ – darauf beschraenke ich mich im Moment -, die heiszt ‚vorhanden sein‘. Im Sinne dieser Grundbedeutung notierte ich: „es gibt etwas“. Dies scheint mir fuer den Jargon eines philosophischen Blogs noch angemessener. Es macht m. E. deutlich, dass Berkeley hier nicht vom „Sein“ in einem metaphysischen Sinne spricht und so moeglicherweise im Auge hatte, ontologische Probleme aus Jahrhunderten zu eroertern oder gar seine eigene Ontologie zu entwickeln. Nichts aber liegt ihm ferner.

Berkeley beschraenkte sich auf die Bezeichnung ‚Vorstellung‘ (‚idea‘), wenn er behauptete, es gibt etwas, das wahrgenommen wird.  Vorstellungen werden laut Berkeley zum einen von den Sinnen erzeugt und sie sind zum anderen Produkte unserer Erinnerung und unserer Fantasie. Als Produkte der Sinne sind sie „lebhafter, klarer und staerker, als die Produkte unserer Erinnerung und Fantasie. Sie sind dauerhafter, folgen bestimmten Mustern und sind miteinander verbunden.“ (Principles of Human Knowledge, 30)

Ich nenne ‚Vorstellungen‘ die ‚wirklichen Dinge‘ desjenigen, von dem sie wahrgenommen werden. „Ich bejahe das Vorhandensein jedes Dinges, das ich durch die Sinne oder durch Reflektieren mit einbeziehen kann. Ich stelle nicht in Frage, was ich mit meinen Augen sehe und mit meinen Haenden beruehre. Das, was ich negiere, ist das, was Philosophen ‚Materie‘ oder ‚koerperliche Substanz‘ nennen.“   (Principles of Human Knowledge, 35) Dies duerfte wieder seinem Wunsch entsprechen, sich den verwirrenden Mitbedeutungen von Woertern zu entziehen und stattdessen auf das hinzuweisen, was wahrgenommen werden kann und so vorhanden ist. Er lehnt es ab, statt ‚Vorstellungen‘ ‚Dinge‘ zu sagen, auch wenn er das Wort ‚Ding‘ – wie hier – selber verwendet. „Wie es kommt, dass ich lieber das Wort ‚Vorstellung‘ verwende, anstatt der alltaeglichen Sprechweise zu folgen und wahrnehmbare Kombinationen von Eigenschaften ‚Dinge‘ zu nennen? Dafuer gibt es zwei Gruende: Zum einen wird mit dem Ausdruck ‚Ding‘ im Unterschied zu ‚Vorstellung‘ im Allgemeinen unterstellt, dass das Bezeichnete auszerhalb von mir vorhanden ist. Zum anderen hat das Wort ‚Ding‘ weitergehende Mitbedeutungen als ‚Vorstellung‘. Es wird auf den Koerper erhaltende Lebensgeister oder denkende Dinge genauso wie auf ‚Vorstellungen‘ angewendet. Da aber die Sinnesobjekte nur in mir selber vorhanden sind und weder denken noch sonst aktiv sind, moechte ich sie mit dem Wort ‚Vorstellung‘ kennzeichnen, weil damit die entsprechenden Eigenschaften mit gemeint sind.“ (Principles of Human Knowledge, 39)