Warnehmen und eigenstaendig philosophieren

Im Laufe meiner philosophischen Forschungen stellte ich immer wieder fest – u. a. angeregt durch Rolf Reinhold  und Lektueren von Bacon und Berkeley -, dass „scholastisch“ eine zutreffende Bezeichnung fuer ein weit verbreitetes Philosophieren ist, das fuer mich in Sackgassen endet. Philosophieren hat die Funktion, mich weiter zu entwickeln. Dazu gehoert das Klaeren von Fragen, die sich im Alltag meines Lebens ergeben. Es gibt Philosophien, die mir keine derartigen Antworten ermoeglichen, die mich in eine „Sackgasse“ fuehren. In der Folge drehe ich mich denkend und handelnd im Kreis.  

In solchen Philosophien finden sich Elemente, die im Curriculum des Philosophiestudiums gelehrt und gelernt werden. Das Lernen eines zukuenftigen staatlich geprueften Philosophen besteht vor allem im Uebernehmen dessen, was in seinem Fach als „wissenschaftlicher Standard“ gilt. Es wird oft erst im Umgang mit Lehrenden deutlich, wie eng hier gefuehrt wird. Diese Standards entstanden  im 17./18. Jh. mit dem Aufkommen der „Geschichten der Philosophie“ und wurden bis heute ausufernd weiter differenziert.  Philosophie bekam damals den Charakter eines Bildungsfaches, das es bis heute ist.

Zu eigenstaendigem Philosophieren wird ein Kandidat der Philosophie anerkannt zugelassen, wenn er sich als „Meister seiner Zunft“ die ersten Examens-Sporen verdient hat. Dahinter verbirgt sich m. E. der unausgesprochene Verzicht auf eigenstaendiges Philosophieren. Oft wird das Erstellen wissenschaftlicher Arbeiten mit eigenem Philosophieren verwechselt. Da dies gewohnheitsmaeßig in allen universitaeren Ausbildungen praktiziert wird, gibt es gegen diese selbstverstaendliche sich an Autoritaeten orientierende  Ausbildung kaum Widerspruch und folglich keine Diskussionen um eine grundlegende Veraenderung der wissenschaftlichen Ausbildung. Fuer den Einzelnen liegen die negativen Folgen, als jemand bekannt zu werden, der kein „wirklicher Philosoph“ ist, allzu spuerbar in der Luft, sollte er sich dieser nicht unterziehen.    

Vor dem Hintergrund des weit verbreiteten scholastischen Philosophierens seiner Zeit, verfolgt Berkeley das Projekt seines eigenstaendigen Philosophierens, das sich am Warnehmen orientiert. Das ist keine „Zauberei“, meinte er. Es wundere ihn, nicht schon frueher darauf gekommen zu sein. (PTB § 279) Mit diesem sensualistischen Ansatz wollte er die Grundlagen des Philosophierens in der Gelehrtenrepublik der Renaissance-Zeit verankern und den Ballast der Vergangenheit loswerden (vgl. Intro IV). Wissenschaftshistorisch ist seine Zeit – spaeter auch als „Neue Zeit“ charakterisiert –  fuer solche Ideen geeignet.  Dass die von ihm formulierten Grundlagen Perzipieren immer noch unbekannt sind, schreibt er den Prinzipien des Philosophierens zu, v. a. dem wie sie gelehrt und gelernt werden.

Sein Studium ermoeglichte ihm die Beschaeftigung mit Philosophen, die sich vom scholastischen Denken entfernt hatten. Diese duerfte ihn unterstuetzt haben, seiner Neigung zu eigenstaendigem Denken zu folgen und sich auf seine Augen und sein Denken zu verlassen, als den Theorien von Autoritaeten zu glauben. Seine Arbeit „Ueber eine neue Theorie des Sehens“ (Dublin 1709) ist ein beredtes Beispiel dafuer. Sie gilt zwei Jahrhunderte lang. J. St. Mill  bezeichnete sie als eine der am wenigstens umstrittenen Theorien in der Wissenschaft vom Menschen und viele andere würdigen sie zustimmend (Vgl. Arend Kulenkampff: George Berkeley. S.46.) .

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Warnehmen und Sprechen

 

Berkeley beschreibt, was er sieht und fühlt, mit Worten, die sich den Termini der Begriffsphilosophie, bzw. der Analytischen Philosophie entziehen. Er wollte sich mit seinen Worten dem Mainstream einer Philosophie entziehen, die er vor allem für „wortgläubig“ hielt. Die Wortgläubigkeit verführte auch zu einer Fülle von Irrtümern, die hinter jedem Wort etwas Bezeichnetes vermuten ließen.

Jeder, dem philosophische Schriften und Dispute auch nur etwas vertraut sind, wird – wie ich – feststellen, dass sie sich zu einem großen Teil mit abstrakten Ideen befassen. … Die Beteiligten gehen stets davon aus, dass diese abstrakten Vorstellungen beim Denken gegenwärtig sind und dass Menschen denkend damit ganz selbstverständlich hantieren können.“ (Berkeley: Principles of Human Knowledge, Introduction VI)

Auf der Grundlage des eigenen Warnehmen entsteht nie so etwas wie ein abschließender Terminus, bzw. keine definitorisch abgeschlossene Bezeichnung. Die analytisch geforderte klare, präzise Sprache ist ein Art Beruhigungsmittel, um diesen Sachverhalt zu verbergen und folgt scholastischen Kriterien, mit denen Verwirrung gestiftet und Philosophie sinnlos wird.  Diese Verwirrung scheint in der Sprache und unseren Vorstellungen zu liegen.

Ich denke, Menschen brauchen … unzulängliche  Vorstellungen, weil sie sich als unzulänglich erleben. Sie produzieren – dem Impuls der Unzulänglichkeit folgend –  … alle ihnen möglichen und gängigen Vorstellungen, um mit anderen einvernehmlich kommunizieren zu können und um so ihre Kenntnisse zu vergrößern. Beides entspricht in hohem Maße menschlichen Bedürfnissen.“ (Ebd. XIII)

Diesen Bedürfnissen hat der Mainstream der Philosophie nie entsprochen. Sie wurden als unstrukturiert vom Philosophieren ausgeschlossen, weil sie nicht zu den geschliffenen philosophischen Termini passten. Auch dieses Verhalten hat eine lange scholastische Tradition.  

Es kann nicht geleugnet werden, dass Worte trefflich dazu dienen, den ganzen Vorrath von Kenntnissen, der durch die vereinten Bemühungen von Forschem aller Zeiten und Völker gewonnen worden ist, in den Gesichtskreis eines jeden Einzelnen zu ziehen und in seinen Besitz zu bringen. Zugleich aber muss anerkannt werden, dass die meisten Theile des Wissens erstaunlich verwirrt und verdunkelt worden sind durch den Missbrauch von Worten und allgemeinen Redeweisen, worin sie überliefert worden sind.“ (Ebd. XXI)

 

Warnehmen ist das Vorhandene

Was ich sehe, ist nur eine Menge von Farben und Licht. Was ich taste ist hart oder weich, warm und kalt, rauh oder glatt usw. Worin besteht die Ähnlichkeit zwischen diesen und meinen Gedanken?“ (PTB § 227)

In Berkeleys Welt erhält man die Antwort durch warnehmen, indem wir die Fragen auf uns wirken lassen, ergeben sich Vorstellungen und Gedanken, aus denen wir Schlussfolgerungen ziehen.

Ein Dichotomist muss die Frage theoriekonform lösen. D. h. der muss die von ihm postulierte Körper-Geist-Teilung überwinden. Dies ist unmöglich.

Berkeleys Antwort liegt außerhalb dieses Systems und sperrt sich gegen eine dichotomische Lösung. Man kam auf die Antwort „Solipsismus“.

Die Behauptung „Berkeley ist ein Solipsist.“ Ist weder in der Sache, noch menschlich zutreffend. Sie macht einen absurden Sinn – darin dürfte die Rolle dieses Urteils liegen -, wenn man dichotomisch denkt (denken muss). Niemand kann  ein Solipsist sein, Menschen leben und handeln miteinander und orientieren sich gemeinsam, sie sind aufeinander angewiesen.

In seiner Tätigkeit als Leiter einer Gemeinde, hat Berkeley es stets für seine Aufgabe angesehen, für sie da zu sein. Z. B. hat er in Zeiten der irischen Hungersnöte für medizinische Versorgung gesorgt, eine lokale Speisung eingerichtet und regelmäßig private Geldmittel zur Verfügung gestellt. [In Irland gab es 1708-10, 1718-21, 1728-30 Typhus- und Hungerepidemien. (Charles Creighton: A History of Epidemics in Britain, Band 2. Cambridge (University Press) 1894, S. 236.)]

Sinn macht, dass die Menschen die Welt existierend erleben, indem sie denken, sehen, fühlen, warnehmen, vorstellen, erinnern …

„Die Existenz unserer Vorstellungen besteht im Wahrgenommen-, Vorgestellt-, Gedacht-werden. Jedesmal, wenn sie vorgestellt werden, oder wenn man sie denkt, existieren sie. Jedesmal, wenn man sie nennt oder sich über sie unterhält, werden sie vorgestellt oder gedacht.“ (PTB § 457)

Warnehmen ist Wirklichkeit

Esse est percipere …  jeder lebt in seiner Wirklichkeit, weil jeder sein WARNEHMEN betreibt. Darüber hinausgehen zu wollen, macht keinen Sinn. Es gibt nichts warzunehmen, was darüber hinaus geht.  

„Nichts außer Vorstellungen ist warnehmbar.“ (Berkeley, PTB §50) Sind wir eingesperrt? In gewisser Weise ja, wäre da nicht das Leben, die Natur, die uns mit mehr versorgt als nur mit Denken. Lebend denken wir und denkend leben wir. Solipsismus ist ein Irrtum … 

‚Alle von uns erfassbaren Dinge sind:

  1. Vorstellungen
  2. Von uns empfangene Vorstellungen,
  3. Von uns hervorgerufene Vorstellungen. (Berkeley PTB §229)

Statt Vorstellungen ist auch der Terminus „Gedanken“ möglich. Da merken wir keine Unterschiede, scheint Berkeley zu meinen. 

Keines von den so Bezeichneten kann in einem trägen, empfindungslosen Ding existieren.‘ (ebd.)

 

aspektualisieren statt analysieren

 

Die Transposition „Was ich warnehme existiert – das Warnehmende existiert“ kann darauf hinweisen, dass etwas thematisiert wird, das in der Geschichte des Denkens eher selten angesprochen wurde.

Berkeley’s Axiom vergleiche ich im Folgenden mit Descartes’ „ich denke, also bin ich“, das sich philosophisch Interessierten ähnlich nachhaltig eingeprägt hat. Ich möchte daran Unterschiede deutlich machen. Diese Unterschiede sind für die Interpretation von Belang. Besonders im Hinblick auf das, was mit Berkeley’s Axiom philosophierend möglich werden kann.

Beide Axiome betreffen den Zusammenhang zwischen geistigen Aktivitäten und Existenz, anders gesagt zwischen Denken und Leben. Doch beide Axiome unterscheiden sich durch das jeweils Gemeinte voneinander, wenn dem Feststellen durch den ersten Blick weiteres Hinsehen folgt.  

Descartes Axiom ist im Kontext seiner Dichotomie (Zweiteilung ) „res extensa“  und „res cogitans“ angesiedelt. In dieser zweigeteilten Welt von Welt/Materie und Denken/Geist gibt es Rahmenbedingungen des Philosophierens, die durch Zerschneiden oder Zerlegen von etwas Ganzem, durch Trennung von Denken und Leben gekennzeichnet sind. (Hoffmeister’s Wörterbuch der Philosophie: „Die Analyse ist die Zerlegung eines Ganzen in seine Teile.“) Die philosophische Haupttätigkeit ist bei Descartes  „analysieren“ . Die Gewissheit der Ergebnisse des Analysierens ergibt sich aus der von ihm behaupteten Selbstgewissheit des Denkenden. bzw. seines Denkens; traditionell kann dieser Sachverhalt als „Sein’ gleich „Denken“ formuliert werden. Es ist das Denkmuster des neuzeitlichen Rationalismus, das sich über ein Jahrhundert später z. B. durch die Kantischen Analytiken zieht und weitere Nachfolgen hervorruft.  

Gott als Garanten lasse ich an dieser Stelle außen vor. Ich sehe die „Notwendigkeit“ Gottes als Garanten vor allem als zeitbedingt, die dem scholastisch-christlichen Rahmen Cartesianischen Denkens entspricht und eigentlich in die philosophische „Gespensterlehre“ (Fritz Mauthner) bzw. zu den  „Idola“ von Francis Bacon gehört. Gott ermöglicht laut Berkeley keine Vermehrung von Kenntnissen.

(Literatur: Alexandre Koyré: Descartes und die Scholastik. Übersetzungen V, Edith Stein Gesamtausgabe. Freiburg i. B. 2005. – Rainer Schäfer:  Zweifel und Sein: der Ursprung des modernen Selbstbewusstseins in Descartes Cogito. Würzburg 2006. )

 

Wie Descartes so geht auch Berkeley von dem Ganzem, von Leben und Denken aus. Doch er analysiert es nicht, sondern er nähert sich ihm warnehmend von allen Seiten. Dies ergibt verschiedene Blickwinkel bzw. Sichten auf das Wargenommene, auch Aspekte genannt. Die Tätigkeit dieses Warnehmens ist „aspektualisieren“. Berkeley charakterisiert sie näher mit Termini wie Warnehmungen, bzw. Vorstellungen haben, Erinnern, Denken, … Dies  entspricht einem Sammeln von verschiedenen Aspekten von Etwas. Derartige Sammlungen sind das Material aus dem Berkeley seine Schlussfolgerungen zieht, also denkt. Die Gewissheit seiner Ergebnisse ergibt sich für ihn ausschließlich aus seinem Warnehmen. Er legt sie anderen zur Beurteilung vor.  

Ähnliches hat Locke getan. Er wollte „schlicht erzählen“, was sich ihm zeigt. Philosophiehistoriker nennen dies „naiv-populäre Anschauungsweise“ und machen damit deutlich, was sie davon halten. Vgl. Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Leipzig 1919.

„Was ich … vor lege, sind … Lehrsätze, … Ich gebe nicht vor, sie durch Zahlen, Analogie oder Autorität zu beweisen. Durch ihre eigene Evidenz sollen sie stehen und fallen.“ (PTB 522/532)

Evidenz ist bei Berkeley das, was jeder der warnimmt nachvollziehen kann. Die Tätigkeit „aspektualisieren“  ist nicht nur vielseitig orientiert, sondern wird auch kontinuierlich aktualisiert. Ob etwas zutrifft, hängt also davon ab, ob es wargenommen, also nach aufmerksamem und wiederholtem Hinsehen bestätigt werden kann.  „Ein nicht wargenommenes Ding ist ein Widerspruch.“ (PhTb569/579) An diesem Widerspruch entzündet sich jeder Widerspruch in der Sache.

Hinweis PTB: Die erste Zahl bezieht sich auf die Meiner-Ausgabe 1926, die zweite auf die von 1979.

„Sein“ ist Wahrgenommenes und Gedachtes

Ich teile Flaschs Behauptung, dass Philosophie im Mittelalter vor allem Metaphysik gewesen sei – wobei Flasch das philosophische Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert ausdehnt. Die Tatsache, dass Berkeley’s  Axiom „esse“ enthaelt und damit „Sein“ thematisiert, rueckt seine Aussage philosophiegeschichtlich gesehen in den Rahmen „Ontologie“.  „Sein“ zieht den Rattenschwanz metaphysischer Mitbedeutungen hinter sich her, die sich unter Termini wie Wesen, Substanz, Wahrheit, u. a. Fragwuerdigkeiten angesammelt haben. Diese Mitbedeutungen sind in der Regel Selbstverstaendlichkeiten. Das, was selbstverstaendlich ist, wird in der Regel nicht bemerkt und kann daher nicht reflektiert werden.

Misst man Berkeley’s Philosophie mit mittelalterlichen bzw. metaphysischen, ontologischen und gnoseologischen Maßstaeben, merkt man nur wenig von dem eigentlichen philosophischen Potential, das in seinen Darstellungen steckt. Es entsteht so der Eindruck, als rede Berkeley. von bereits hinlaenglich Bekanntem, i. S. v. das ist nichts Neues, wenn auch auf eigenartige Weise. Solche Aussagen wie: Geist sei fuer Berkeley die einzige Substanz, weisen für mich darauf hin.  (z. B. bei A.C. Grayling: Berkeleys Argument for Immaterialism. In Kenneth Winkler (Ed.): The Cambridge Companion to Berkeley. New York 2005, pp 166 – 189.) Damit verbunden wird behauptet, Berkeley betreibe Immanenz- bzw. Bewusstseinsphilosophie und kenne keine „transsubjektive Realitat“ (z. B. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie II. (Komet-Ausgabe) S. 221). Die Krux ist: Wenn man seine eigenen Maßstaebe anlegt, kommt raus, was diesen Maßstaeben entspricht. Das was anderen Maßstaeben entspricht, wird verdeckt.   

Die Behauptung, Geist sei eine Substanz duerfte u. a.  durch die Aussage Berkeleys, die Substanz Holz sei „eine Sammlung einfacher Vorstellungen“ (PTB 176), konterkariert werden, oder/und Nachdenken ausloesen. Doch die mittelalterliche Brille laesst derartiges nicht zu. Im unguenstigsten Falle sind Kopfschuetteln und Irritationen (Unverstaendnis) die Folge. Bezogen auf die Schrift „Siris“ brachte Kulenkampff sein Unverständnis auf den Punkt: Siris sei das Ergebnis „vergeblicher philosophischer Denkanstrengungen“ und daher die „Manifestation einer Unmöglicheit“. (Arend Kulenkampff: George Berkeley. Muenchen 1987, S. 43.) Ich befürchte, dass über  meine Äußerungen ähnliches gesagt wird.

»Sein« ist aus Sicht der metaphysischen Philosophie die Ueberzeugung, dass in den Dingen und Vorstellungen etwas Allgemeines. gleichbleibendes enthalten ist. Dieses „Sein“ wird auch mit Wesen oder Substanz bezeichnet. (Fuer Interessierte: Eislers Woerterbuch der philosophischen Begriffe .) Berkeley dagegen verbindet  dieses „Sein“ nicht mit seinem „esse“. Er verdeutlicht dies, indem er vom Wahrgenommenen als etwas redet, das existiert. „Existenz ist percipi, oder percipere. …“ (PTB 408) Berkeley’s „esse“ ist also mit der Existenz von Vorstellungen, mit Wahrnehmungen und Gedanken verbunden. Denkt man „Vorhandenes“ als deutschen Terminus fuer „Existenz“  mit, hat man den Ballast der Tradition abgeworfen.  Richard Wahle  gab mit seinem Terminus „Vorkommnisse“ den ontologischen Rahmen noch deutlicher auf.

Das Wahrgenommene, bzw. das Gedachte ist auch von der die Erkenntnistheorie quaelenden Frage befreit, ob es denn immer sei. In tautologischer, naiver Schlichtheit, wie sie sich aus Offensichtlichem ergibt, demonstriert Berkeley lediglich den „bestuerzenden“ und „einleuchtenden“ Sachverhalt seines Axioms, der Fragwuerdigkeiten aufhebt:  „Die Existenz unserer Vorstellungen besteht im Wahrgenommen-, Vorgestellt-, Gedacht – werden. Jedes Mal, wenn sie vorgestellt werden, oder wenn man sie denkt, existieren sie. Jedes Mal, wenn man sie nennt oder sich ueber sie unterhaelt, werden sie vorgestellt oder gedacht.“ (PTB 457) ‚Meine Buecher’, so Berkeley, ‚sind also immer da, wenn ich an sie denke, und sie mir vorstelle.’ Berkeley hat also anstelle „Sein von Dingen“ Tätigkeiten wie „wahrnehmen“, „vorstellen“ und „denken“im Sinn.  In diesem Sinne haben Menschen die Dinge im Intellekt, schlussfolgert er ( PTB 459) . Dies unterscheidet sich von dem, was Berkeley als  „ontologischer Immaterialismus“ unterstellt wird. Berkeley verwendet den Terminus „Immaterialismus“, in einer für sein non-ontologisches Philosophieren passenden Weise, nämlich nominalistisch.  Wenn man seine  Darstellungen interpretieren will, muss man genau lesen.

Bestuerzend und einleuchtend …

 

 

… mit den Aussagen „esse est percipi“ bzw. „esse est percipere“ formulierte Berkeley die beiden Aspekte seines zentralen philosophischen Axioms. Das robuste Vorurteil, dies sei leicht zu kapieren, was vermutlich durch historisch bedingte Selbstverstaendlichkeiten ausgeloest wird, veranlasste mich, dieses Axiom auf eine etwas ungewoehnliche Art und Weist zu erlaeutern. Ich schlage für dieses Axiom in den folgenden Blogartikeln eine Transposition (statt Uebersetzung) vor, die moeglicherweise verdeutlichen kann, was Berkeley damit thematisiert haben koennte.

Dies geschieht um des Philosophierens willen, das vor allem bedeutet zu denken, als etwas zu haben. Philosophische Bildung ist für mich nur in Verbindung mit reflektiertem Handeln eine Bildung, die uns nützt.  

Doch im Vorwege einige Bemerkungen dazu. Ich gehe davon aus, dass dieses Axiom den ausgepraegt individuellen Charakter von Berkeley’s Philosophieren widerspiegelt. Philosophiehistoriker stimmen zumindest darin ueberein, dass dieses Prinzip etwas Einmaliges in der Philosophiegeschichte darstellt. Es bringe, so äußert sich Berkeley selber, sowohl einen „bestuerzenden“ als auch einen„einleuchtenden“ Sachverhalt zum Ausdruck: Fuehlen und Sehen, so Berkeley, sind der Maßstab seines Philosophierens.  Er muesse wohl sehr unachtsam gewesen sein, dieses Prinzip nicht schon frueher entdeckt zu haben, schrieb er vor ca. 300 Jahren in sein Tagebuch. Es sei jedoch philosophisch unverzichtbar, weil sich nur so widerspruechliche und absurde Aussagen vermeiden ließen. (Vgl. Philosophisches Tagebuch, PTB 279 u.394)

Zutreffend ist aber auch: Die Ergebnisse von Fuehlen und Sehen sind immer individuelle Ergebnisse. Was andere fuehlen und sehen, fuehle und sehe ich nicht. (PTB 24 u. 47) So gilt für Berkeley:   „Alles, was ich schreibe oder denke, handelt nur von Dingen, wie sie mir erscheinen.“ (PTB §543) Der Anklang an den Homo-Mensura-Satz des Protagoras (Fr. 1, Diels-Kranz), ist offensichtlich. 

So genau wie moeglich hinsehen auf die Sache, um die es gerade geht, daraus durch Nachdenken eigene Schlussfolgerungen ziehen, das ist die Berkeley’sche Methode des Philosophierens. Sie macht seine verschiedenen Darstellungen interpretatorisch nachvollziehbar. In seiner Schrift „Siris“ laesst sich facettenreich nachlesen, dass dazu auch in der Sache Relevantes anderer Philosophen reflektierend miteinbezogen wird. Der deutschsprachigen Sekundaerliteratur – z. B. Arend Kuhlenkampff und Ernst von Cassirer – ist dieser philosophische Schatz verborgen geblieben. (Vgl. Arend Kuhlenkampff: George Berkeley. Muenchen 1987, S. 42 – 44.)      

Ergaenzend zu seiner Feststellung ein durch und durch eigenstaendig denkender Philosoph zu sein, fuegt Berkeley hinzu, dass ihm jede Art von Autoritaetsglaeubigkeit fremd sei. Er ‚laufe nicht glaeubig hinter einem Großen her’ und teile auch keine Auffassungen, bloß weil sie „eine lange Tradition haben“ oder ‚modern sind’. Im Gegenteil, er verwerfe selber aus gegebenem Anlass eigene Auffassungen, auch wenn er darauf viel Zeit und Muehe verwendet habe. (PTB §465)

Ich schließe daraus, dass jede Objektivierung oder Verabsolutierung seiner Aussagen fragwuerdig ist, was Argumentationsstrukturen in Interpretationen von Berkeley-Texten als unsachgemaeß erscheinen laesst. Wenn man seine Texte nachvollziehen moechte, muessen sie im  Zusammenhang mit seinen Darstellungen und denen anderer, bzw. anderer Zeiten reflektiert werden. Wenn dies ignoriert wird, sind irrtuemliche Interpretationen zu erwarten.  

Selbstverstaendlich lassen sich Verbindungen zu anderen Philosophien ziehen,  wie auch immer diese geartet sein moegen.  Seine Darstellungen lassen sich im Hinblick auf andere klassifizieren und Stroemungen zuordnen. Diese standardmaeßigen Annaeherungen an Berkeley haben den Nachteil, dass Interpretatoren auf Probleme stoßen, die als Widersprueche Berkeleys, Aenderungen bzw. Wendepunkte seiner Sichtweise benannt werden. Ich halte Widerspruechliches und Veraenderungen – wie bei jedem Philosophen – fuer vorstellbar, aber derartige Behauptungen koennen auch ein deutlicher Hinweis auf fehlende Kenntnisse sein. Interpretationsprobleme – so wird in neuester Zeit in der Berkeley-Forschung behauptet – seien Folgen von Unkenntnis der Berkeley-Texte und deren Kontexte in Berkeley’s Gegenwart und Geschichte. (Silvia Parigi (Università di Cassino Ed.): George Berkeley: Religion and Science in the Age of Enlightenment. Heidelberg/London/New York 2010, p. XIV. Die  veroeffentlichten Aufsaetze verbindet Nachdenkliches und neue Forschungsansaetze, die sich aus dem Ungenuegen der „standardmaeßigen Annaeherungen“ ergeben.)

Ich moechte die Darstellungen Berkeley’s  vielseitig betrachten und mich so einem umfassenden Bild seiner Philosophie nähern.