WARNEHMEN statt „wahrnehmen“

In der Philosophie sind „wahrnehmen“ bzw. „Wahrnehmung“ geschichtstraechtige Bezeichnungen mit vielen Mitbedeutungen. (Bei Interesse an dieser Vielfalt empfehle ich die Lektuere des Artikels „Wahrnehmung“ in Eislers Woerterbuch , der einen ersten Ueberblick ermoeglicht.)

Im Zusammenhang meines philosophischen Projektes mit Rolf Reinhold ergab sich die Beobachtung, dass in der Philosophie „Wahrheit“ traditionell eng verbunden mit  „wahrnehmen“ interpretiert wird, und so beim Wahrnehmen zugleich Wahrheit unterstellt wird. Dieser Zusammenhang hat sich offensichtlich auch allgemein eingebuergert: Der Brockhaus nennt als Ergebnis von Wahrnehmung, „eine anschauliche Repraesentation der Umwelt und des eigenen Koerpers“. Bei naeherem Hinsehen entpuppt sich diese Behauptung als Mogelpackung, bzw. als Erfindung. Denn diese Repraesentation ist eigentlich unmoeglich.   Schon – und dies ist nur ein Aspekt – mein Koerper als auch meine Umwelt sind mir nur ausschnittweise bzw. im Nacheinander vieler (Erinnerungs-) Vorstellungen praesent.

Im Herkunftswoerterbuch des Duden-Verlages ist zu lesen: Das Verb „wahrnehmen“ – mhd. war nemen, ahd. wara neman geschrieben –  enthaelt als ersten Bestandteil das nicht mehr gebraeuchliche   Substantiv »War«, das die Bedeutung  »Aufmerksamkeit, Acht, Obhut, Aufsicht« hat. „wahrnehmen“ hieße demnach eigentlich etwas »in Aufmerksamkeit nehmen, einer Sache Aufmerksamkeit schenken«. Die genannten Bedeutungen leben z. B. in verwa(h)rlosen (eigentlich »warlos [= aufsichtslos] werden«), auch „Geraete warten“, „Sternwarte“, seine „Pflichten wa(h)rnehmen“  weiter. (Duden – Das Herkunftswoerterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Aufl. Mannheim, Wien, Leipzig, Zuerich 2006.)

„Wahrnehmen“ ist also – wie Mauthner schon feststellte – „nicht aus wahr = verus“ gebildet.  Campe , der diesen Zusammenhang verwendet, definiert wahrnehmen so : „mit den Sinnen etwas als wirklich nehmen, als wahr empfinden“. Auch Hegel ist auf diese Etymologie hereingefallen. Er behauptete, dass wir den Zusammenhang der Dinge wahrnehmen und sich die Dinge so als wahr erweisen. (Die Einwaende anderer Philosophen hat er offensichtlich nicht zu Kenntnis genommen.) Der gleiche Schnitzer findet sich bei  Wundt  in seiner Aeußerung: „Bei dem Ausdruck Wahrnehmung haben wir die Auffassung des Gegenstandes nach seiner wirklichen Beschaffenheit im Auge“. [Physiologische Psychologie, Bd. II, Seite 1.]  (Quelle: Fritz Mauthner: Woerterbuch der Philosophie. Leipzig 1923, Band 1, S. 58-70. zeno.org)

 Damit habe ich meiner Interpretation des Percipere-Prinzips eine terminologische Bruecke gebaut. Es laesst sich operationalisieren als:  „philosophierend von dem auszugehen, was Menschen warnehmen koennen“. Was dann so viel wie, etwas aufmerksam zur Kenntnis nehmen, bedeutet.  Damit hat Berkeley auch die Einladung fuer andere ausgesprochen, Philosophieren in aehnlicher Weise aufmerksam zu praktizieren. Um diesen Sachverhalt fuer die Interpretation der Texte Berkeley’s  deutlich zu machen, scheint es daher angemessen „warnehmen“ statt „wahrnehmen“ zu schreiben.

Eine inhaltliche Brücke lässt sich zu Rolf Reinhold bauen. Rolf Reinhold hat sich – in gleichem Umfang wie Berkeley – in seinem philosophischen Ansatz fuer den Terminus „hinsehen“ entschieden. ‚hinsehen’ ist – wie „perzipere“ bzw. „perceive“ (warnehmen) bei Berkeley – der Antrieb und die Anregung aus dem Philosophieren und Handeln gemacht werden. Dabei ist die Taetigkeit des Nehmens das Wesentliche. Denn gerade dieses Nehmen und „Haben … von Vorstellungen zeigt den warnehmenden Geist an – da dieses das eigentliche Wesen der Warnehmung ist oder das worin die Warnehmung besteht.“  (Berkeley, PTB 303)

Ich möchte das „Percipere-Axiom“ mit Was ich „warnehme“, existiert – der Warnehmende existiert zu transponieren,  um Interpretationen einen groeßeren Raum zu eroeffnen: Sie bietet die Chance von „Wahrheit“ und „Erkenntnistheorie“ abzusehen.

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