„Sein“ ist Wahrgenommenes und Gedachtes

Ich teile Flaschs Behauptung, dass Philosophie im Mittelalter vor allem Metaphysik gewesen sei – wobei Flasch das philosophische Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert ausdehnt. Die Tatsache, dass Berkeley’s  Axiom „esse“ enthaelt und damit „Sein“ thematisiert, rueckt seine Aussage philosophiegeschichtlich gesehen in den Rahmen „Ontologie“.  „Sein“ zieht den Rattenschwanz metaphysischer Mitbedeutungen hinter sich her, die sich unter Termini wie Wesen, Substanz, Wahrheit, u. a. Fragwuerdigkeiten angesammelt haben. Diese Mitbedeutungen sind in der Regel Selbstverstaendlichkeiten. Das, was selbstverstaendlich ist, wird in der Regel nicht bemerkt und kann daher nicht reflektiert werden.

Misst man Berkeley’s Philosophie mit mittelalterlichen bzw. metaphysischen, ontologischen und gnoseologischen Maßstaeben, merkt man nur wenig von dem eigentlichen philosophischen Potential, das in seinen Darstellungen steckt. Es entsteht so der Eindruck, als rede Berkeley. von bereits hinlaenglich Bekanntem, i. S. v. das ist nichts Neues, wenn auch auf eigenartige Weise. Solche Aussagen wie: Geist sei fuer Berkeley die einzige Substanz, weisen für mich darauf hin.  (z. B. bei A.C. Grayling: Berkeleys Argument for Immaterialism. In Kenneth Winkler (Ed.): The Cambridge Companion to Berkeley. New York 2005, pp 166 – 189.) Damit verbunden wird behauptet, Berkeley betreibe Immanenz- bzw. Bewusstseinsphilosophie und kenne keine „transsubjektive Realitat“ (z. B. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie II. (Komet-Ausgabe) S. 221). Die Krux ist: Wenn man seine eigenen Maßstaebe anlegt, kommt raus, was diesen Maßstaeben entspricht. Das was anderen Maßstaeben entspricht, wird verdeckt.   

Die Behauptung, Geist sei eine Substanz duerfte u. a.  durch die Aussage Berkeleys, die Substanz Holz sei „eine Sammlung einfacher Vorstellungen“ (PTB 176), konterkariert werden, oder/und Nachdenken ausloesen. Doch die mittelalterliche Brille laesst derartiges nicht zu. Im unguenstigsten Falle sind Kopfschuetteln und Irritationen (Unverstaendnis) die Folge. Bezogen auf die Schrift „Siris“ brachte Kulenkampff sein Unverständnis auf den Punkt: Siris sei das Ergebnis „vergeblicher philosophischer Denkanstrengungen“ und daher die „Manifestation einer Unmöglicheit“. (Arend Kulenkampff: George Berkeley. Muenchen 1987, S. 43.) Ich befürchte, dass über  meine Äußerungen ähnliches gesagt wird.

»Sein« ist aus Sicht der metaphysischen Philosophie die Ueberzeugung, dass in den Dingen und Vorstellungen etwas Allgemeines. gleichbleibendes enthalten ist. Dieses „Sein“ wird auch mit Wesen oder Substanz bezeichnet. (Fuer Interessierte: Eislers Woerterbuch der philosophischen Begriffe .) Berkeley dagegen verbindet  dieses „Sein“ nicht mit seinem „esse“. Er verdeutlicht dies, indem er vom Wahrgenommenen als etwas redet, das existiert. „Existenz ist percipi, oder percipere. …“ (PTB 408) Berkeley’s „esse“ ist also mit der Existenz von Vorstellungen, mit Wahrnehmungen und Gedanken verbunden. Denkt man „Vorhandenes“ als deutschen Terminus fuer „Existenz“  mit, hat man den Ballast der Tradition abgeworfen.  Richard Wahle  gab mit seinem Terminus „Vorkommnisse“ den ontologischen Rahmen noch deutlicher auf.

Das Wahrgenommene, bzw. das Gedachte ist auch von der die Erkenntnistheorie quaelenden Frage befreit, ob es denn immer sei. In tautologischer, naiver Schlichtheit, wie sie sich aus Offensichtlichem ergibt, demonstriert Berkeley lediglich den „bestuerzenden“ und „einleuchtenden“ Sachverhalt seines Axioms, der Fragwuerdigkeiten aufhebt:  „Die Existenz unserer Vorstellungen besteht im Wahrgenommen-, Vorgestellt-, Gedacht – werden. Jedes Mal, wenn sie vorgestellt werden, oder wenn man sie denkt, existieren sie. Jedes Mal, wenn man sie nennt oder sich ueber sie unterhaelt, werden sie vorgestellt oder gedacht.“ (PTB 457) ‚Meine Buecher’, so Berkeley, ‚sind also immer da, wenn ich an sie denke, und sie mir vorstelle.’ Berkeley hat also anstelle „Sein von Dingen“ Tätigkeiten wie „wahrnehmen“, „vorstellen“ und „denken“im Sinn.  In diesem Sinne haben Menschen die Dinge im Intellekt, schlussfolgert er ( PTB 459) . Dies unterscheidet sich von dem, was Berkeley als  „ontologischer Immaterialismus“ unterstellt wird. Berkeley verwendet den Terminus „Immaterialismus“, in einer für sein non-ontologisches Philosophieren passenden Weise, nämlich nominalistisch.  Wenn man seine  Darstellungen interpretieren will, muss man genau lesen.

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